Logopädie-Forum

Praxis eröffnen

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Martha
Teilnehmer

Hallo zusammen,

ich habe eine Frage an die selbstständigen Logopäden in diesem Forum.
Gerne würde ich eine eigene Praxis eröffnen. Nur lese ich in verschiedenen Foren immer unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema. Einige verteufeln die Selbstständigkeit durch geringe Vergütung der Kassen, laufende Ausgaben ect.
Mir ist bewusst, dass man in diesem Job nicht reich wird. Das möchte ich auch nicht, nur leider verdient man als 30 Std. Kraft im Osten zu wenig um eine kleine Familie und die laufenden Kosten zu zahlen, ohne dass mein Partner mehr als die Hälfte dazu zahlt. Bei meiner jetzigen Stelle, bekomme ich mit Hinweis es ist kein Geld da, keine Lohnerhöhung. Auch sonstige Zuwendungen die der AG steuerlich absetzen kann, werden nicht angeboten.

Wie ist eure realistische Meinung in Rückblick betrachtet nach der Selbstständigkeit?
Würdet Ihr es wieder tun, auch in der heutigen Zeit? Oder lieber als Angestellte Logopädin arbeiten, auch wenn ihr wüsstet eine Lohnerhöhung ist nicht mehr drin?
Nagt ihr am Existenzminimum nach Abzug aller laufenden Kosten für die Praxis? Was sich jeder auszahlt ist ja jedem selbst überlassen.
Oder könnt ihr von den Einnahmen gut leben?

Ich bedanke mir jetzt schon für eure Antworten und wünsche noch einen schönen Tag.

Viele Grüße


vor 5 Jahre, 1 Monat #95275

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Terrorkruemel83
Moderator

Hallo Martha,

die Frage nach der Selbstständigkeit kann man nicht so pauschal beantworten.
Was du dir vorher überlegen musst: Wieviele Praxen gibt es in deiner Umgebung? Musst du einen Kredit aufnehmen? Wie ist das Verordnungsverhalten der Ärzte? Welche Ausgaben kommen gesamt auf dich zu…….

Wenn deine Praxis 40 Stunden voll ist und du nicht allzuhohe Fixkosten hast, dann kommt man ganz gut über die Runden. Wichtig ist aber auch zu bedenken dass du in Zeiten von Urlaub, Weiterbildung, Krankheit keine Einnahmen hast und das es eine gewisse Zeit dauert bis du das erste Geld auf dem Konto hast. Hinzu kommt noch das du zusätzlich Zeit für Büro einplanen musst.

Ich hätte mich in heutiger Zeit nicht mehr selbststädig gemacht. Das Verordnungsverhalten wird immer schlechter, zudem schießen immer mehr neue Praxen aus dem Boden.

Wenn du noch mehr fragen hast, dann kannst du mir auch gern eine private Nachricht schicken.

Liebe Grüße


vor 5 Jahre, 1 Monat #95278

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Terrorkruemel83
Moderator

PS: Zitat: „Auch sonstige Zuwendungen die der AG steuerlich absetzen kann, werden nicht angeboten.“ -> auch wenn der AG bestimmte Zuwendungen steuerlich absetzen kann, muss er sie erstmal voll bezahlen und bei steigenden Beiträgen zu Krankenversicherung und sonstigen Kosten nicht für jeden AG machbar.


vor 5 Jahre, 1 Monat #95279

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Gaenseblmchen
Teilnehmer

Hallo Martha,

ich habe mich im letzten Jahr selbständig gemacht, allerdings nicht nur als Logopädin und würde nach meinen Erfahrungen eher abraten.
1. Je nach Logopädendichte in deiner Region ist ein seeeehr langer Atem notwendig um die Praxis voll zu bekommen, d.h. du hast monatelang keine Einnahmen bzw. sogar Minuskosten weil du ja Nebenkosten zu bezahlen hast wie Miete, Telefon, Versicherungen, etc…
– Wenn ich nur Logopädie angeboten hätte, hätte ich bereits vor Monaten wieder schließen müssen. Auch jetzt noch, fast 1.5 Jahre nach Eröffnung würde ich mit meinen Logopatienten gerade so die Nebenkosten gedeckt bekommen und ich habe viele Privatpatienten.

2. Auch wieder Region abhängig: Die Vergütung der gesetzlichen Krankenkassen für eine Logostunde können nicht die Kosten einer Praxis decken sofern du dich nicht kaputt arbeiten willst (oder nur 300Euro Miete bezahlst). D.h. du benötigst viele Privatpatienten (auch Regionabhängig) und musst der Typ sein, Preise und Ausfallrechnungen durchzusetzen. Sonst schadest du nicht nur dir, sondern auch den anderen selbständigen Logopädinnen.

3. Alles was du bisher getrost an deinen Chef weitergeben konntest musst du dich jetzt selbst kümmern ;). Und das ist mehr als man denkt, allein die ständigen Anrufe von Werbern und Betrügern die dir was verkaufen wollen..

4. Hat mal ein Jurist auf einer Gründungsveranstaltung gesagt: Man muss rechnen können! ;) Und Spaß an Organisation haben.

5. Nebenkosten: nicht zu unterschätzen, jede Kleinigkeit kostet Geld und du musst bedenken wenn du nicht arbeitest kommt nichts rein aber viel geht raus. Das muss in die Kalkulation mit rein.
Am Ende bin ich auf einen Stundensatz von 67 Euro gekommen damit ich gut leben kann und mich nicht Tot arbeite. Das bezahlen die Privatpatienten auch. Und Kassenpatienten habe ich zum Glück nur sehr wenig (derzeit 3) und sehe das eher als mein Solidaritätsbeitrag.

Und noch ein letzten Hinweis zu Mitarbeitern: Ich bezahle meinen Mitarbeitern 13,50Euro, was sehr wenig ist, und dennoch ist es für mich ein Minusgeschäft. Ich tue es nur weil es für die Praxis gut ist und nicht weil ich etwas daran verdiene. D.h. es liegt nicht an deinem Chef wenn er wenig bezahlt, sondern an den Kassen die viel zu wenig bezahlen. Was man selbst nicht bekommt kann man auch nicht weitergeben. Das ist wichtig zu wissen – auch selbständige Logopäden werden nicht reich.

Falls du dich dazu entscheidest: Ich wünsche dir viel Erfolg und viel Freude!
Plane genug Zeit für die Gründungsphase, weil die ganzen Anträge etc. dauern und fordern viel Zeit von dir.

Viele Grüße


vor 5 Jahre, 1 Monat #95470

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Logopaede
Teilnehmer

Wie gesagt: 13.50€ zahlt hier eine Praxisinhaberin…Brutto!
Egal ob mit oder ohne Studium.

Zitat Martha: „Mir ist bewusst, dass man in diesem Job nicht reich wird.“

Erkundige dich schon mal wo sich bei dir in der Nähe die nächste „Tafel“ befindet. Bereits heute liegen die Rentenansprüche bei 48% des Nettoverdienstes.


vor 5 Jahre, 1 Monat #95480

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Teekly
Teilnehmer

Liebe Gaenseblmchen,

Deine Rechnung verstehe ich ehrlichgesagt nicht ganz… wenn Du Deinen Mitarbeitern 13,50 Euro brutto pro TE zahlst und wir mal davon ausgehen, dass die Mitarbeiter 8 Therapien am Tag machen (was echt fair wäre), dann verdient der Mitarbeiter also 2160 Euro im Monat brutto. Gut, jetzt kommen noch die AG-Abgaben oben drauf, sagen wir mal großzügig in der Summe kostet die der Mitarbeiter im Monat 3000 Euro.

Wenn ich mal von den Kassensätzen in Westfalen-Lippe ausgehe gibt es glaube ich nichts unter 35,00 Euro pro TE. Das wären dann bei 8 TE am Tag und 20 Arbeitstagen im Monat 5600 Euro, die der Mitarbeiter für Dich erwirtschaftet. Abzüglich der Lohnkosten bleiben dann noch 2600 Euro für Dich über.

Klar, Mitarbeiter haben Urlaub und werden krank und so, aber die These, Du würdest nichts an Deinen Mitarbeitern verdienen halte ich doch für gewagt. Vielleicht kannst Du das noch mal näher erläutern…

Gruß,
Teekly


vor 5 Jahre, 1 Monat #95489

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Thea123
Teilnehmer

Ja, ich denke auch, dass man durchaus an MA verdient. Sonst würde keiner MA einstellen.
Meistens werden die Miete und alle anderen Ausgaben (Therapiematerial, Praxismaterial, Möbel) komplett auf das Gehalt des MA draufgerechnet. Das ist aber falsch. Man muss für sich selbst sowieso Räumlichkeiten und Material vorhalten. Mit jedem MA verdient man mehr (da die Fixkosten bleiben und die Kosten pro MA nicht proportional steigen). Je mehr Mitarbeiter umso mehr Gewinn.
Das Risiko (Ausfallzeiten oder ein Mehraufwand für die Vorbereitung einer komplexen Therapie) wird sowieso meistens auf den Mitarbeiter umgewältzt, indem der MA Vorgaben bekommt wie viele Therapieeinheiten pro Woche zu machen sind und wenn er die Vorgabe nicht schafft, wird die Zeit von seinem Überstundenkonto abgezogen.


vor 5 Jahre, 1 Monat #95490

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Gaenseblmchen
Teilnehmer

Hallo zusammen,

da nehme ich doch gerne nochmal Stellung. Also meine Mitarbeiterin arbeitet nur sehr wenige Stunden in der Woche, d.h. sie erarbeitet im Jahr ca. 2000Euro, wenn es gut läuft. D.h aber auch dass prozentual also Versicherungen etc. sehr viel mehr zu Buche schlagen, weil der Versicherung egal ist wieviel ein Mitarbeiter letztendlich arbeitet, der Betrag bleibt gleich. Therapiematerial etc. rechne ich nicht auf Nebenkosten für meinen Mitarbeiter drauf.
Deshalb stimmt natürlich was Thea sagt, dass es sich beginnt zu lohnen, wenn man viele Mitarbeiter hat, die viel arbeiten. Wie ich glaube schon geschrieben habe, rechnet es sich laut eines Wirtschaftsgutachter ab 6 vollzeit Mitarbeiter. Da braucht man aber erstmal einen ziemlichen Zulauf um das hinzubekommen – aber natürlich ist es nicht unmöglich.

Und zu dem Punkt man würde keine MA einstellen, wenn man nichts an ihnen verdienen würde:
1. können viele nicht rechnen!
2. es ist für die Praxis auch schädlich, wenn man nicht gleich Termine anbieten kann, oder nicht sehr flexibel bei der Termingestaltung sein kann – das wird mit Mitarbeitern natürlich leichter. Und wenn ein Arzt 3x jemanden schickt und immer ist kein Termin frei lässt er es vielleicht wieder.
Außerdem ist es gut, z.B. im Falle das man selbst einmal krank ist oder im Urlaub, dass jemand da ist der ab und zu nach der Praxis schaut (Blumen gießen, AB abhören, etc.). D.h. für mich hat es mehr mit Patientenfreundlichkeit und Entlastung im Falle eines Ausfalls von mir zu tun. Das muss man ja alles bedenken als Selbständiger.

Ich bleibe also dabei dass ich an meiner Mitarbeiterin nichts verdiene, aber vielleicht etwas ruhiger schlafe.

Viele Grüße


vor 5 Jahre #95493

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