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Dysarthrietherapie

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Kati
Teilnehmer

Hallo,

was ist bei euch Inhalt einer Dysarthrietherapie, wenn bei Konzentration in der Therapiesituation immer eine präzise Artikulation eingehalten werden kann.

Außerdem wird von Familientreffen berichtet, dass der Patient dort gut zu verstehen sei und es keine Probleme gäbe.

Welche Therapieziele könnte es noch geben?

Mundmotorik, Diadochokines und präzises Lesen von Texten gehört bei uns immer zum Programm.

Alles klappt immer prima und ich fühle mich immer etwas unwohl dabei, wenn es keine neuen Ziele mehr gibt.


vor 7 Jahre, 9 Monate #86646

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Norina Lauer
Teilnehmer

Hallo,

gemäß einer partizipationsorientierten Zielfindung sollte man den Patienten selbst fragen, ob, und wenn ja, welche Ziele er hat. Stört ihn noch etwas oder kommt er gut zurecht, so dass er selbst gar keine Therapie mehr möchte? Sprechverständlichkeit ist offensichtlich gegeben – zumindest im Familienkreis. Gibt es andere Situationen, in denen die Verständlichkeit ein Problem ist? Gibt es Probleme bei der Sprechnatürlichkeit, die ihn stören?

Wenn es keine Ziele mehr gibt, ist die Behandlung zu beenden. Ein „Programm“ mit Mundmotorik und Diadochokineseübungen sollte insbesondere bei leichten bis mittelgradigen Sprechstörungen gut überdacht werden, da die Literatur überwiegend darauf hinweist, dass diese Aufgaben keinen Effekt auf das Sprechen haben.

Viele Grüße

Norina Lauer


vor 7 Jahre, 9 Monate #88834

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Kati
Teilnehmer

Hallo,

danke für die Antwort.

Die mundmotorischen Übungen und die Diadochokineseaufgaben gehören für mich und viele meiner Kollegen noch immer zum Standardprogramm in der Dysarthrietherapie.

Würden Sie dann z.B. bei einer Patientin, deren Artikulation nach längerem Sprechen etwas unpräzise wird, dann keine Mundmotorik durchführen, weil sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht sehr viel dadurch verbessert?

Wie ist das mit MS- Patienten, deren Plosive und Frikative unscharf klingen und deren Zielgenauigkeit der Zungenbewegungen beeinträchtigt sind? Erhalte ich durch Zielsicherheit keine ´Zunahme an Präzision?

Danke.


vor 7 Jahre, 9 Monate #88837

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Norina Lauer
Teilnehmer

Hallo,

genau dieses Standardprogramm sollte man sich gut überlegen, denn aktuelle Literatur zeigt, dass Artikulationstherapie effektiv ist, mundmotorisches Training aber eher nicht. Hierzu gibt es z. B. die ASHA Stellungnahmen von Lof oder diverse Artikel von Ziegler. Insofern würde ich eher artikulatorisches Minimalpaartraining oder ähnliches durchführen, um das Sprechen der genannten Patientin zu verbessern. Mundmotorische Aufgaben machen nur bei sehr schweren Sprechstörungen Sinn, wenn man Artikulationsbewegungen ggf. erstmal zergliedern muss. Aber auch dabei sollten die mundmotorischen Aufgaben so gewählt werden, dass sie auf Artikulationsbewegungen ausgerichtet sind (z. B. Zunge an Alveolarkamm oder leicht geöffnete Lippen spitzen und breitziehen, nicht aber Zunge herausstrecken, Zunge in Mundwinkel bewegen o. ä.). Und für die Zielsicherheit der Zungenbewegungen bei Plosiv vs. Frikativ würde ich genau das üben. Nichtsprachliche Übungen erscheinen zur Vorbereitung wenig geeignet. Ich habe das früher auch anders gemacht, aber der Stand der Wissenschaft ändert sich nun mal, so dass man immer wieder gefordert ist, umzudenken.

Viele Grüße

Norina Lauer


vor 7 Jahre, 9 Monate #88848

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Kati
Teilnehmer

Danke für Ihre Antwort.

Ich werde meine Therapien umstellen.

Liebe Grüße.


vor 7 Jahre, 9 Monate #88856

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Norina Lauer
Teilnehmer

Hallo,

ich würde mich freuen, demnächst zu erfahren, wie es mit dem Umstellen geklappt hat und ob das intensivere Artikulationstraining erfolgreich oder sogar erfolgreicher ist? Neben wissenschaftlichen Erkenntnissen und Patientenpräferenzen ist die persönliche therapeutische Erfahrung mitentscheidend für die Auswahl der Therapiemethoden. Insofern lohnt es sich, neue Wege einfach mal auszuprobieren und dann zu entscheiden, wie man künftig weiter verfahren will.

Herzliche Grüße

Norina Lauer


vor 7 Jahre, 9 Monate #88858

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Kati
Teilnehmer

Hallo,

ich werde von meinen Erfahrungen berichten.

Welche Idee haben Sie denn für meine Patientin, die nur noch nach längerem Sprechen leicht unpräzise spricht?

In der Therapiesituation spricht sie immer deutlich.

Dann lohnt sich die Fortsetzung der mundmotorischen Übungen wohl nicht. Dann hilft eventuell häufig so viel reden, dass die Artikulation schwerer fällt. Durch das lange Reden wird ja dann die Muskulatur trainiert, die noch etwas zu schwach ist, oder?

Was soll ich ihr raten? Eventuell ist das Thema Artikulation dann ja auch nicht mehr zu behandeln. Wenn sie die ganze Stunde gut durchhält, ist das ja auch schon eine lange Zeit.

Vielen Dank nochmal.


vor 7 Jahre, 9 Monate #88859

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Norina Lauer
Teilnehmer

Hallo,

die mundmotorischen Übungen würde ich weglassen und stattdessen versuchen, Situationen herzustellen, die der alltäglichen Situation, in der die Probleme auftreten, nahe kommt. Treten die Probleme im Zweiergespräch oder im Gruppengespräch oder in einem Gespräch vor einer Gruppe auf? Die Patientin könnte z. B. einen kleinen Informationsvortrag zu einem ihr wichtigen Thema vorbereiten und in der Therapiestunde halten, um in natürlicher Weise über längere Zeit zu sprechen. In einem Dialog hat man als Therapeutin weniger Zeit, um auf Symptome zu achten. Vielleicht wäre das ja eine Möglichkeit, um herauszufinden, woran es liegen könnte, dass nach längerer Zeit noch Probleme auftreten (ist es die noch fehlende Artikulationskraft oder könnten auch eine schlechter werdende Haltung oder Ähnliches eine Rolle spielen?).

Ich würde die Patientin fragen, ob es sie stört bzw. ob sie sich dadurch einschränkt fühlt, dass sie nach längerem Sprechen undeutlich wird. Gibt es ihr wichtige Situationen und Lebensbereiche, die sie deshalb meidet oder fällt ihr das lediglich auf, ohne dass es Konsequenzen für die Teilhabe hat?

Nur solange es noch Einschränkungen in der Teilhabe und sich daraus ergebende Ziele gibt, würde ich die Therapie fortsetzen.

Herzliche Grüße

Norina Lauer


vor 7 Jahre, 9 Monate #88860

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Kati
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Hallo,

vielen Dank für die schnelle und kompetente Antwort.

Ich werde die Patientin fragen.

Wir arbeiten parallel noch an der Stimme.

Viele Grüße.


vor 7 Jahre, 9 Monate #88865

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carlineo
Teilnehmer

Liebe KollegInnen,

ich habe ein ähnliches Problem bezüglich der Dysarthrie-Therapie. Im Februar diesen Jahres habe ich in eine neue Praxis gewechselt und viele Dysarthrie-Patienten übernommen. Zwei davon sind Apoplex-Geschädigte, die 2x pro Woche Therapie erhalten. Einer davon bereits seit 4 (!) Jahren. Da ich mich über Dysarthrie beslesen habe, habe ich die Therpieinhalte bereits verändert (s.Diskussion oben), jedoch nach ihren Zielen befragt, wurde schnell klar, dass beide Patienten im Prinzip zufrieden mit ihrer Kommunikationsfähigkeit sind. Dass sie dennoch weiter Therapie wünschen „so lange es genehmigt wird“. Das verursacht mir starkes Magengrummeln, und wenn es „meine“ Patienten wären, hätte ich die Therapie sicher schon beendet. Nun bin ich aber erstmal nur Vertretung für meine Chefin, die in Elternzeit ist. Ihrer Meinung nach gäbe es noch Fortschritte, die ich allerdings nicht erkennen kann. Zumal beide Patienten höchste Priorität auf das Laufenlernen legen, was ja auch verständlich ist, da die Kommunikation gut funktioniert. Mich frustrieren die Therapien, die Patienten scheinen sie als lieb gewonnene Gewohnheit wahrzunehmen.

Was kann ich tun?


vor 7 Jahre #89866

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Norina Lauer
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Hallo carlineo,

wenn die Therapie kein Ziel mehr hat und die Patienten zufrieden sind, sollte die Behandlung beendet werden. Eine Therapie aus Gewohnheit weiterzuführen, halte ich für nicht verantwortbar. Und es handelt sich ja auch nicht um progrediente Erkrankungen, die der Dysarthrie zugrunde liegen und bei denen eine Weiterbehandlung wichtig wäre, um einen Abbau aufzuhalten.

Möglicherweise fällt es den Betroffenen aber schwer, selbst Ziele zu benennen, wenn sie danach vielleicht noch nie so konkret gefragt wurden. Ich würde mit den Patienten in einem ausführlichen Gespräch klären, welche Ziele noch angegangen werden können und diese nach ihrer Wichtigkeit ordnen. Dann wäre gemeinsam ein Zeitfenster festzulegen, innerhalb dessen der Patient das wichtigste Ziel erreichen soll. Am besten wäre es, vorher und nachher eine „Messung“ der zu verbessernden Leistung zu haben, damit man vergleichen kann, ob und in welchem Umfang das Ziel erreicht wurde. Dies nimmt auch den Patienten in die Verantwortung, sich für die zu erreichenden Verbesserungen zu engagieren.

Wenn keine konkreten Ziele mehr da sind, würde ich eine Behandlungspause vereinbaren und nach ca. 3 Monaten prüfen, ob der Stand beibehalten wurde und der Patient noch zufrieden ist.

Viele Grüße

Norina Lauer


vor 7 Jahre #89867

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carlineo
Teilnehmer

Hallo Norina,

mein Problem ist vielmehr, dass ich das Gefühl habe, auch für meine Chefin sind das „lieb gewonnene“ Patienten…Ich hatte das Thema schon mal angesprochen. Sie ist der Meinung, Verbesserungen sind nach wie vor sichtbar.

Was die „Messungen“ betrifft, so sind die gewonnenen Daten das eine (bspw. Tonhaltedauer) und die tatsächliche Kommunikationsfähigkeit das andere. Diese empfinden die Patienten als ausreichend. Zudem – wie messe ich bestimmte Parameter (z.B. nasalen Durchschlag)im Rahmen meiner Möglichkeiten? Beide Patienten sind übrigens Hausbesuche.

Viele Grüße*


vor 7 Jahre #89871

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Norina Lauer
Teilnehmer

Hallo carlineo,

bei den Messungen wird es sicher nicht ganz leicht. Vielleicht kann man Messungen über PRAAT vornehmen? Der Download ist kostenfrei und man kann akustische Signale messen (einen Laptop kann man zum Hausbesuch mitnehmen). Das wäre die Messung aus funktionsorientierter Sicht. Ansonsten könnte man einen Fragebogen verwenden, um die Einschätzung der Patienten zu erfassen. Die ist letztlich das ausschlagende Kriterium, es sei denn, man hat den Eindruck, dass der Patient nicht erkennt, dass es noch dringenden Behandlungsbedarf gibt.

Viele Grüße

Norina Lauer


vor 7 Jahre #89872

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