Logopädie-Forum

Dysarthrie

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Kati
Teilnehmer

Hallo,

ich behandle eine Patientin mit Dysarthrie.

Sie zeigt hauptsächlich Probleme bei den mit der Zungenspitze gebildeten Phoneme (z.B. interdentales s, schwaches t und d usw. )

Jetzt wird ja immer gesagt, dass isolierte Zungenübungen ohne Artikulation nichts bringen, weil ja immer nur ein Minimum an Kraftaufwand für die Artikulation benötigt wird.

Bei so eindeutigen Zungenschwächen führt ihr aber doch auch isolierte Zungenübungen wie z.B. Spatelübungen für die Zungenspitze durch oder?

Noch eine Frage:

es gibt ja häufig Patienten mit Dysarthrie, die in der Übungssituation super präzise artikulieren, aber dann im Alltag nicht. Müssen sie einfach damit rechnen, ihr Sprechen in Zukunft immer auditiv kontrollieren zu müssen oder würdet ihr auch da Zunge und Lippen weiter kräftigen und üben, so dass eine Automatisierung wieder erreicht werden kann?

Danke für den Austausch.


vor 5 years, 6 months #93614

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Norina Lauer
Teilnehmer

Hallo,

es geht nicht nur um die geringere Kraft, die bei der Artikulation benötigt wird, sondern auch darum, dass nichtsprachliche Bewegungen und Sprechen von unterschiedlichen Hirnarealen gesteuert werden. Insofern sollte man das Hirnareal aktivieren, das Probleme bereitet. Daher sollten direkt Artikulationsbewegungen trainiert werden. Es würden sich z.B. kurze Wörter mit t/d im Anlaut anbieten, um die Zungenspitze bei der Artikulationsbewegung zu kräftigen. Nichtsprachliches Zungentraining führt nach aktueller Studienlage nicht zu einer Automatisierung von Sprechbewegungen. Artikulatorische Diadochokinese (papapa, tatata, pataka…) auch nicht.

Und vermutlich wird die Artikulation für einen von Dysarthrie betroffenen Menschen auch dauerhaft anstrengender sein und mehr kontrolliert werden müssen.

Viele Grüße
Norina Lauer


vor 5 years, 6 months #93615

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Kati
Teilnehmer

Hallo,

vielen Dank für Ihre Hilfe.

Leider war wohl meine letzte Fortbildung zu diesem Thema nicht auf dem neusten Stand, obwohl ich dafür sehr viel Geld bezahlt habe.

Daher bin ich Ihnen sehr dankbar.

Gilt dasselbe auch noch, wenn eine Makroglossie vorliegt und ein Sigmatismus interdentalis aufgrund der Schwäche der Zungenspitze? Oder behandelt man den dann ähnlich wie in den Kindertherapien?

Noch eine andere Frage;

Die Patientin bekommt einzelne Wörter ziemlich deutlich hin und auch noch Sätze in der Therapie. Das Problem ist die Spontansprache. Übt man dann mit den Patienten den Transfer, so dass sie sich eine durchgängige Selbstkontrolle ihres Sprechens angewöhnen?

Können Sie Artikel oder Literatur empfehlen zum neusten Stand in der Dysarthrietherapie?

Vielen vielen Dank.


vor 5 years, 6 months #93628

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Norina Lauer
Teilnehmer

Hallo Kati,

wenn es bei dem Sigmatismus interdentalis um ein Symptom der Dysarthrie geht, würde ich – da es ja um Innervation des Sprechens geht – auch Sprechen üben, und falls möglich, gleich auf Wortebene. Auch in der Kindertherapie sollte man mundmotorische Übungen zur Artikulationstherapie nicht zwangsläufig einsetzen. Mundmotorik ist dann sinnvoll, wenn es sich z.B. entwicklungsbedingt um eine tatsächliche Muskelschwäche handelt oder aber, wenn bei Personen mit Dysarthrie vom Betroffenen, bei dem auch mundmotorische Defizite vorliegen, gewünscht wird, bestimmte mundmotorische Aufgaben besser durchführen zu können (z.B. Pusten üben, um dann Suppe auf dem Löffel durch Pusten abzukühlen).

Bei der Partientin, die Wörter und Sätze in der Therapien gut produzieren kann, wäre wie vorgeschlagen der Transfer in die Spontansprache zu üben. Und das nicht nur in der Therapiesitzung, sondern v.a. mit Transferaufgaben, die die Patientin im Alltag durchführen muss. Am besten man überlegt gemeinsam, welche Situationen häufig im Alltag auftreten und welche Sätze man dabei typischerweise produziert. Diese kann man in der Therapie zusammenstellen und vereinbaren, dass die Patientin bis zur nächsten Therapieeinheit in der genannten Situation die Sätze immer wieder und besonders deutlich produzieren soll.

Hinsichtlich der Literatur würde ich z.B. das Buch „Dysarthrie“ von Ziegler/Vogel (Reihe Forum Logopädie, Thieme-Verlag) empfehlen. Das ist in der Auflage von 2010 sehr viel ausführlicher geworden und geht auch kritisch mit dem Thema Mundmotorik um. Ansonsten sind z.B. Fachartikel von Schölderle, Staiger und/oder Ziegler zu empfehlen.

Viele Grüße
Norina Lauer


vor 5 years, 6 months #93632

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Kati
Teilnehmer

Hallo,

vielen vielen Dank für Ihre sehr ausführliche Antwort.

Sie haben mir sehr geholfen. Kati


vor 5 years, 6 months #93633

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