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Berufseinstieg und Verträge…

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Hallo ihr Lieben,
bevor ich mich nun an Arbeitsrechtler, ver.di oder sonstige Außenstehende wende, wollte ich erstmal euren Rat.
Ich habe vor 3 Monaten meine Ausbildung abgeschlossen und bin derzeit in einem etwas komplizierten Arbeitsverhältnis auf Probe angestellt. Ich habe einen 40h Vertrag unterzeichnet, was bei 12€/h 1920€ brutto (Berlin) macht. Klingt gut, ist aber in der Realität für den Arbeitgeber nicht umsetzbar. Nun soll ich einen neuen Vertrag bekommen, den ganz nebenbei die Steuerberaterin aufgesetzt hat, der die Stunden/Vergütung neu regelt. Derzeit arbeite ich 4Tage/Woche (32h), was für meine Chefs noch in Ordnung war, als ich anfing, aber immer wieder bekomme ich zu hören „dann musst du eben auf deinen freien Tag verzichten“, obwohl ich dafür auch nicht mehr Geld bekommen würde. Ich habe von Anfang an klargestellt, dass ich keine Vollzeitstelle möchte. Und die erforderliche Anzahl an Patienten für eine 40h-Woche/40TE-Woche kann mir auch keiner zur Verfügung stellen.
Also der neue Vertrag würde folgenden Wortlaut enthalten: „Auf eigenen Wunsch der Arbeitnehmerin wird die Therapiezahl auf 30TE/Woche reduziert. (…) Die Vergütung erfolgt ausschließlich anhand der tatsächlich geleisteten Therapien.“ Dabei war das nicht mein Wunsch. Ich verstehe meine Chefs, ohne meine Leistung kommt kein Geld, aber ist es wirklich rechtlich in Ordnung, dass ich das Betriebsrisiko bei Annahmeverzug trage? Ich wurde auf 40h angestellt, obwohl ich anfangs nur 13TE/Woche hatte. Natürlich rechnet sich das erstmal nicht. Und dann kam diese fixe Idee von meiner chefin.
Ich würde gerne einen neuen Vertrag diskutieren, weiß aber nicht, wie ich das ansprechen soll und was ich als Argumente vorbringen kann. Ich will auch nicht gleich zum Anwalt und ihr das vor den Latz knallen. Aber fest steht, meine Chefs sind sehr durchsetzungsstarke Menschen, die man nicht leicht von ihrer Meinung abbringen kann, selbst wenn man etwas schlüssig belegen kann.
Nun haben sie auch vor einigen Tagen gelesen, dass eine andere Chefin kein Geld während Krankheitsausfall des Kindes der Mitarbeiterin zahlt, sondern diese MA das bei der Krankenkasse beantragen muss und davon war meine Chefin mehr als begeistert. Nun habe ich Sorge, dass sie das auch mit in den Vertrag einbinden möchte.
Und ohne, dass ich bisher einen neuen Vertrag nur gesehen, geschweigedenn unterzeichnet hätte, bezahlt sie mich seit November nur für geleistete Therapien; Im November wurden nichtmal Ausfallrechnungen miteinbezogen.
Irgendwie fühle ich mich ziemlich über den Tisch gezogen und bin sehr frustriert. Ich möchte für meine Chefin keine zusätzlich finanzielle Belastung sein, aber ich finde es nicht fair, sich „rauszupicken, was gut für die Praxis ist“ und letztendlich den Arbeitnehmer im Regen stehen zu lassen mit den Worten: „Das ist nicht unser Problem, ob ihr (als Familie) euch diese finanziellen Einbußen leisten könnt (wenn ich keine 40h/Woche arbeite).“ Ich bin unzufrieden und sehr traurig darüber, weil eigentlich alles vor Arbeitsantritt geregelt war und nun wieder alles über den Haufen geworden werden soll… Noch dazu beschleicht mich immer mehr das Gefühl, dass meine Chefin nicht ganz zufrieden mit mir ist. Als Berufsanfängerin bin ich in vielen Dingen noch unerfahren und unsicher und das passt ihr nicht. Einige Fehler sind auch schon passiert. Ich bin mir nicht sicher, ob ich nach der Probezeit in 3 Monaten übernommen werde oder evtl schon früher gekündigt werde.
Das alles macht mir sehr zu schaffen, vielleicht habt ihr ja einen Rat für mich? Wie gehe ich am besten auf meine Chefs/Chefin zu? Ich bin nicht gut im Verhandeln und sie betont nur immer, dass sie ohne geleistete Therapien von mir kein Geld bekommt, um mich zu bezahlen… Irgendwo hat sie ja Recht…


vor 4 Jahre, 4 Monaten #95908

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Thea123
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Hallo,
leider werden Berufsanfänger immer wieder in solche Verträge gedrängt. Nachhvollziehen kann ich das beim derzeitigen Fachkräftemangel nicht. Aber viele Chefs haben keine Ahnung davon wie man ein Unternehmen führt.
Es ist normal, dass man als Berufsanfänger mit wenig tatsächlichen Stunden startet, die sich dann langsam erhöhen. Teilweise halten die Chefs auch nicht genug Patienten vor, sodass nur eine langsame Erhöhung möglich ist. Dennoch müssen die Arbeitgeber natürlich den vollen Monatsbetrag zahlen, da du deine Arbeitskraft vorhältst und es nicht deine Aufgabe ist Patienten zu beschaffen.
Es ist völlig normal, dass zu Beginn des Berufseinstiegs Fehler passieren, ob das nun inhaltlich auf die Therapie bezogen ist oder bei irgendwelchen Büroaufgaben. Und auch später noch passieren Fehler. Wir sind auch nur Menschen. Wichtig ist nur aus den Fehlern zu lernen und es beim nächsten Mal besser zu machen.
Du bist Berufsanfänger. Es ist ok, dass du Zeit brauchst um dich einzuarbeiten. Behalte das am Anfang immer im Hinterkopf.
Ich verstehe nicht ganz warum du den 40 Stunden-Vertrag bekommen hast. Du ja aber auch nicht. Da du am 5. Tag auch gar nicht anwesend bist, finde ich es schwierig dafür das volle Monatsgehalt zu verlangen. Ich kenne mich rechtlich nicht aus, kann mir aber vorstellen, dass das schwierig ist durchzusetzen.
Wenn du einen 30 Stunden-Vertrag unterschreibst (was ich sinnvoll finde und was du ja auch möchtest), solltest du dich auf keinen Fall darauf einlassen nur tatsächlich durchgeführte Therapien bezahlt zu bekommen. Das ist rechtlich gesehen nur bei Honorarkräften in Ordnung, die ja aber selbstständig sind.
Bist du in einem Verband Mitglied? Beim dbs bekommt man (meines Wissens nach kostenlos wenn man Mitglied ist) eine telefonische Beratung und kann auch den Vertrag zur rechtlichen Überprüfung hinschicken. Ich denke das geht auch beim dbl. Ich glaube da kostet es ein wenig Geld. Frag doch einfach mal nach.
Ansonsten ist mein Rat folgender: In Berlin (und nicht nur da) werden momentan so viele Sprachtherapeuten händeringend gesucht. Bewirb dich bei mehreren Stellen und schau dir die Vertrags- und Arbeitsbedingungen genau an. Setz dich mehr mit deinen Forderungen durch. Wenn du eine 30-Stunden-Stelle willst, dann bekommst du sie auch.
Wenn du möchtest kannst du mir per PN schreiben aus welchem Stadtteil du kommst, ich kenne eine Praxis die gerade sucht.
Ich wünsche dir trotz des Stresses hoffentlich ein paar schöne Feiertage.


vor 4 Jahre, 4 Monaten #95909

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Hallo Thea123,
vielen Dank für deine Antwort, leider habe ich es nicht früher geschafft zu antworten.
Die Situation ist leider noch immer nicht vom Tisch, weil die Bearbeitende des Arbeitsvertrages seit Dezember krank ist. Wir haben immer wieder darüber gesprochen und meine Chefin ist nach wie vor der Ansicht, dass es für mich nur Vorteile hätte, mich nur nach geleisteten Therapien zu bezahlen und dass das jetzt wohl fast alle so machen, mit denen sie gesprochen hat.
Aber irre ich mich oder macht es keinen Unterschied, ob sie mir 12€ brutto pro Stunde bezahlt oder pro Therapien, wenn doch beides auf sagen wir mal grob 35 rausläuft? Sie ist der Meinung, dass sie mich nicht fürs Rumsitzen bezahlt, weil wir viel Leerlauf zwischen Vor- und Nachmittag haben, was ich auch verstehe, aber deshalb krieg ich über den Mittag auch nicht mehr Patienten rein… Ich mach schon alles was sich findet und anfällt in der Leerzeit, aber manchmal ist mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahme halt auch nix…
Wir wollen uns nun nochmal zusammensetzen und alles in aller Ruhe klären, aber ich fürchte ohne den Vertrag läuft die Diskussion auch ins Leere. Ich hätte so gerne etwas, worauf ich mich arbeitsrechtlich stützen kann, aber „das Arbeitsrecht von Therapeuten ist nicht genau definiert und immernoch eine Grauzone und somit Auslegungssache“…


vor 4 Jahre, 3 Monaten #95963

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Thea123
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Hallo,
Woher kommt denn dein Zitat „das Arbeitsrecht von Therapeuten ist nicht genau definiert und immernoch eine Grauzone und somit Auslegungssache“?
Es gibt kein spezielles Arbeitsrecht für Therapeuten, sondern die Arbeitgeber müssen sich nach dem für alle gültigen Arbeitsrecht richten. Es gibt keine Grauzone.
Minusstunden sind nur möglich, wenn ein Arbeitszeitkonto mit Minusstunden vertraglich vereinbart wurde. Ein Arbeitszeitkonto ist auch nur möglich, wenn der Arbeitnehmer zustimmt (siehe zum Beispiel Urteil des LAG Rhein­land-Pfalz, vom 15.11.2011, 3 Sa 493/11.). Im Arbeitszeitkonto muss auch detailliert geregelt sein, was z.B. passiert bei Minusstunden bei einer Kündigung.
Auch wenn Minusstunden vereinbart sind, dürfen diese nicht in jedem Fall vom Arbeitszeitkonto abgezogen werden: War ein Beschäftigter bereit zu arbeiten aber der Arbeitgeber hat dies nicht in Anspruch genommen, entsteht ein „Annahmeverzug“. Leistungsbereite Beschäftigte müssen dann vergütet werden und müssen die Zeit nicht nacharbeiten (§
615 BGB).
Deine Chefin muss sich entscheiden ob sie eine Angestellte möchte oder eine freie Mitarbeiterin. Eine freie Mitarbeiterin wird prozentual einen höheren Satz verlangen, weil diese z.B. Krankenversicherung usw. selbst zahlt und auch das Risiko bei Patientenausfall trägt.
Es macht für dich einen großen Unterschied, ob du ein Festgehalt von z.B. 1700 € monatlich bekommst oder ob du dieses Gehalt nur bekommst, wenn 35 Patienten in der Woche auch da sind. In den Ferien kann es sein, dass nur 10 Patienten da sind, dann bekommst du nur 480 €. Kannst du davon deine Miete zahlen?
Gibt es in der Umgebung keine anderen offenen Stellen auf die du dich bewerben könntest?
Ich drück dir die Daumen für das Gespräch.


vor 4 Jahre, 3 Monaten #95964

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Hallo Thea123,
also mittlerweile ist ja einige Zeit vergangen und das Gespräch mit der Chefin hat auch stattgefunden. Es stellte sich raus, dass sie die ersten 3 Monate ausschließlich nach Leistung bezahlt, um einen Durchschnitt für den Sockelbetrag meines zukünftigen Gehaltes zu ermitteln. Das hatten wir vorher so nicht kommuniziert, aber wir konnten jetzt alles klären. Nun bekomme ich den Sockelbetrag und alle weiteren Therapien obendrauf.
Da gibt es jetzt nur wieder ein Hin und Her mit der Krankenkasse, weil ich einen ständig wechselnden Betrag bekomme und die das halt gerne anders hätten. Aber das ist ein anderes Ding.
Ich danke dir für deine Antworten und hoffe nun, dass das alles entspannter wird im Laufe des Berufslebens :P


vor 4 Jahre, 2 Monaten #96028

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