Logopädie-Forum

Bald ohne Arzt zum Logopäden?

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Logopaede
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Tja, brechen jetzt die Dämme?
Die große Koalition plant die Abschaffung der detaillierten Heilmittelverordnung bei den Physiotherapeuten. Dann soll der Arzt nur noch ein „Blanko- Rezept“ ausstellen…oder, nach dem Willen der CDU spart man sich den Arztbesuch komplett.

Nehmen wir mal an das kommt auch in der Sprachtherapie. Welche Vor- und Nachteile hat das für uns?

Logopäde


vor 5 Jahre, 5 Monaten #94550


vor 5 Jahre, 5 Monaten #94552

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Thea123
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Die große Koalition plant die Abschaffung der detaillierten Heilmittelverordnung bei ALLEN Heilmittelerbringern, auch bei den Logopäden. So stehts im Positionspapier. In Berlin und Brandenburg werden derzeit Blankoverordnungen in der Physiotherapie schon getestet (IKK). Die Blankoverordnungen könnten für alle Heilmittelerbringer evtl. schon 2016/2017 kommen.
Vorteile:
– keine Diskussionen mehr mit den Ärzten ob Therapie notwendig oder nicht oder welche Frequenz angemessen ist
– keine falsch ausgestellten Verordnungen mehr, die ständig geändert werden müssen
– endlich eine höhere Vergütung, endlich Entkoppelung von der Grundlohnsumme (eine zentrale Forderung im Positionspapier)
– eine größere Anerkennung in der Gesellschaft, nicht mehr nur Gehilfe der Ärzte

Das Positionspapier ist ein riesiger Fortschritt und nur möglich geworden durch die vielen Demonstrationen und Petitionen und natürlich durch den Fachkräftemangel :-)

„Nachteile“ die bei den Physiotherapeuten eventuell vorhanden sind:
– teure Fortbildungen um Diagnostik und das Schreiben von Therapieberichten zu erlernen

Dies ist bei den Logopäden/Sprachtherapeuten bereits im Studium und der Ausbildung verankert und wird auf uns wohl nicht zukommen, eventuell werden andere Pflichtfortbildungen zum Gegenstand gemacht.

Eventuell kämpfen wir bald mit Budgets. Allerdings können wir ja auch nur so viele Verordnungen ausstellen wie wir selber auch behandeln können. Da ist das ganze sowieso begrenzt.

Einige werden die sicherlich kommende Akademisierung evtl. als „Nachteil“ sehen. Mehr Verantwortung bedeutet auch eine höhere Qualifikation. Solange die bereits fertig ausgebildeten Logopäden mit Ausbildung nicht in Zukunft benachteiligt werden, sehe ich kein Problem. Die Inhalte unseres Berufes sind komplex und gehören an die Hochschulen.

@ Logopaede: Welche Vor- und Nachteile siehst du?


vor 5 Jahre, 5 Monaten #94557

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Logopaede
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Also erst mal kommt es mir so vor, als wenn die Sprachtherapeuten und vor allem der dbl mal wieder völlig überrumpelt wurden.
Da stellt EIN Physiotherapeut (dieser Roy Kühne „Mitglied des Bundestages“) ein Positionspapier vor und alles ist plötzlich im Fluss.
Daran sieht man, dass die Damen im dbl das Pferd von hinten zäumen. Erst Akademisieren und dann um mehr Kohle bettel. Die Physiotherapeuten sind da viel platter -es sind eben häufig Männer. Die biegen einfach das System gerade.

Ich habe jahrzehntelang sprachtherapeutische Diagnosen erstellt. Plötzlich gibt es Urteile zu Gunsten der Rentenversicherung, die feststellen, dass wir diese Qualifikation nicht mehr haben. Konsequenz: Alle Therapeuten, die sich nun selbstständig machen wollen, müssen Rentenversicherungsbeiträge zahlen. Jetzt dreht sich wieder alles um.

Ich habe mich bisher immer als „Erfüllungshilfe“ des Arztes gesehen. Dennoch sehe ich den Arzt in der täglichen Praxis fast durchgängig als Therapiebremse. Ständig Fehler in den VO. Es gibt Absprachen der Kinderärzte mit HNO-Ärzten. Permanentes gejammer der Eltern, dass die Ärzte nicht verschreiben wollen, bei eindeutigen Defiziten. Und immer dieses dösige Gelaber: „Es liegt noch kein Bericht vor!“
Am Unanständigsten ist das System jedoch in Bezug auf unsere Kinder. Hier werden die Eltern oft komplett verarscht. Es geht nur um das Budget. Gerne werden die Kinder auch mal in die „Frühförderung“ geschickt und bekommen dort 20 Std. Logo im Jahr. Super.

Ich verstehe das mit dem „Blanko-Rezept“ noch nicht. Der Arzt stellt eine Verordnung aus. Damit ist der Patient therapiebedürftig. Der Therapeut notiert dann die Diagnose nach Heilmittelrichtlinien und ICD-10. Bericht geht dann an den Arzt. Na ja, wenigstens spare ich mir dann die Fahrten zu den Ärzten und brauche nicht mehr um Korrekturen betteln!
Ein Direktzugang ist sicher der eleganteste Weg.
Ich verstehe auch nicht die Angst, dass dadurch deutlich mehr Therapie entstehen können. Unzuverlässige Patienten werden viel schneller identifiziert. Intervalltherapien werden die Regel….alles wird gut. Inhaltlich sicher der beste Weg.
Doch dann verliert die Ärzteschaft u.U. das Interesse an unserer Berufsgruppe. Wir sind dann nicht mehr deren „Tablette gegen Sprachstörungen“. Das könnte Konsequenzen haben. Vielleicht fühlt sich der Kinderarzt dann weniger für Sprachauffälligkeiten zuständig und „vergisst“ den Hinweis, dass etwas mit dem Sprechen nicht stimmt.

Ich hoffe nur, wir Sprachtherapeuten müssen uns nicht noch „Nachqualifizieren“, um zu lernen wie man Diagnosen/ Befunde und Berichte erstellt. Wetten die Fortbildungsmafia scharrt schon mit den Hufen? Sabbernde Dozenten reiben sich schon die Hände…..Geeeeeeeld!

Aber so gibbet immer was Neues.

Logopäde


vor 5 Jahre, 5 Monaten #94559

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Teekly
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Ich finde es auch total spannend, was in unseren Berufsgruppen gerade passiert. An diesem Herrn Kühne sieht man ja, was das Problem unseres Berufsstandes ist: wir haben keine Lobby. Und kaum gibt es einen MdB, der selber Physiotherapeut ist, und schon bewegt sich etwas.

Ich persönlich glaube nicht, dass die Ärzteschaft weniger Interesse an unseren Tätigkeitsfeldern hätte. Allerdings könnte man sich endlich auf Augenhöhe begegnen, ohne ein Abhängigkeitsverhältnis. Und ich glaube, dass gerade bei Blankoverordnungen die Ärzte eher freigiebiger wären. Dann wie soll eine Blankoverordnung auf deren Budget angerechnet werden? Das ist nicht gehen… vielleicht wäre der eine oder andere Arzt sogar froh…

Die Idee des Direktzugangs finde ich aber ehrlichgesagt sehr bedenklich. Aus dem einfachen Grund, dass ich als Therapeut, der ja eher symptomorientiert behandelt, den Patienten nicht in vollem Umfang diagnostizieren kann. Natürlich kann ich dem Patienten der dysarthrisch spricht und sich verschluckt sagen, er solle mal zum Neurologen gehen, aber im Zweifelsfalle sagt sich der Patient „wozu denn? Der Therapeut behandelt mich ja, was soll ich dann beim Arzt?“.

Lange Rede, kurzer Sinn: Blankoverordnung (analog zur Facharztüberweisung / Überweisung zum Psychotherapeuten) gerne. Direktzugang zu Heilmitteln muss nicht sein…


vor 5 Jahre, 5 Monaten #94564

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Thea123
Teilnehmer

„Die Idee des Direktzugangs finde ich aber ehrlichgesagt sehr bedenklich. Aus dem einfachen Grund, dass ich als Therapeut, der ja eher symptomorientiert behandelt, den Patienten nicht in vollem Umfang diagnostizieren kann. Natürlich kann ich dem Patienten der dysarthrisch spricht und sich verschluckt sagen, er solle mal zum Neurologen gehen, aber im Zweifelsfalle sagt sich der Patient “wozu denn? Der Therapeut behandelt mich ja, was soll ich dann beim Arzt?”.“

Das sehe ich anders. Wir managen die Weiterüberweisungen jetzt schon sehr gut. Ein Stimmpatient der vom Hausarzt kommt, wird doch auch zur Kontrolle zum HNO-Arzt weitergeschickt. Überforderte Eltern schicken wir zu Erziehungsberatungsstellen weiter. Aphasiker schicken wir zu Selbsthilfegruppen. Wir kooperieren ja jetzt schon nicht nur mit den Ärzten, sondern interdisziplinär mit vielen Stellen. Und natürlich müssen Schlaganfallpatienten parallel von Ärzten behandelt werden, die meisten nehmen Medikamente, die kontrolliert werden müssen. Und das können wir den Patienten auch ganz klar vermitteln. Dieses und jenes können wir behandeln und bei xy liegen unsere Grenzen. Gehen Sie deshalb bitte zum Facharzt. Außerdem gibt es sonst ganz einfach keine weitere Sprachtherapie. Der Heilmittelkatalog hat da klare Vorgaben, z.B. bei Aphasie nach der 30. Stunde eine neurologische Untersuchung.
Ich hatte ja schon gesagt, dass auf uns vielleicht auf Pflichtfortbildungen zukommen. Ich kann mir vorstellen, dass dies vielleicht im Bereich Überweisungsmanagement evtl. so sein könnte.
Ich finde der Direktzugang ist eine große Chance und überhaupt nicht bedenklich. Wir sollten unsere Fähigkeiten nicht ständig unterschätzen. Wegen dieser Einstellung sind wir momentan in dem Schlamassel wenig Geld und wenig Anerkennung für eine hochwertige Arbeit zu bekommen.


vor 5 Jahre, 5 Monaten #94572

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