Logopädie-Forum

Alle Laute in Initialer Position rückverlagert

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Amelie388
Teilnehmer

Hallo!

Ich habe ein Mädchen in Therapie (3;2J.), in der Spontansprache ist sie eigentlich unverständlich aufgrund der Aussprache (nur bei kurzen Sätzen u. bekannten Zusammenhängen kann man es erschließen). Mumo ist o.B. Wortschatz u. Sprachverständnis sind auch in Ordnung. Ihre Grammatik scheint noch sehr in der Entwicklung.
Beim Lautbefund fiel auf, dass sie alle (!) Laute rückverlagert, Plosive wie Frikative.
Maus > ngaus
Sonne > Gonne
Tasse > Kasse
etc.
Sie kann die Laute also final (manchmal auch medial) bilden. Auf Aufforderung kann sie die einzelnen Laute auch isoliert überwiegend bilden.
Ihr Hemmschwelle ist sehr hoch, Störungsbewusstsein bahnt sich gerade richtig an.

Ich hatte jetzt 3 Einheiten, habe in diesen überwiegend getestet und weiß nun, dass es ausschließlich die Phonologie ist.
Außerdem habe ich begonnen, das /s/ auf Lautebene anzubahnen, sodass es sauber klingt. (Ich hatte mich für diesen Laut als erstes entschieden.) Und parallel auditive Diskriminationsübungen gemacht (für /s/ und andere Laute) und bin jetzt schon bei den Silben angekommen.

Habt ihr noch Tipps wie man die allgemeine phonologische Bewusstheit? (für die normalen Sachen scheint sie noch viel zu klein und verweigert)

Wie kann man die 1. und 2. AK-Zone „aktivieren“? (damit wir von dem Rachenbereich wegkommen)

Kennt ihr Minimalpaare für /s/ vs. hintere Laute?

Viele Grüße,

Amelie


vor 7 years #91159

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Amelie388
Teilnehmer

Oh jeee…ich bin wohl nicht ganz bei der Sache gewesen – Sie rückverlagert alle Laute in INITIALER Position…


vor 7 years #91160

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Terrorkruemel83
Moderator

Hallo Amelie388,
ich habe die Überschrift korrigiert:-)


vor 7 years #91165

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Wicki
Teilnehmer

Gerade oder auch bei so kleinen Kindern mache ich ganz gute Erfahrungen mit einer modifizierten Mc Ginnes Methode. Kommt aus der Therapie für verbale Entwicklungsdyspraxie, hilft aber auch bei schweren phonologischen Störungen.
Ziel: Laut mit einem Assoziationsbild und einer Geste verbinden, z. B. /m/ wird mit einem Bild verknüpft, auf dem jemand isst und sich über den Bauch streicht, dazu meine Vorgabe: ich streiche mir über den Bauch und phoniere /m/. Das Kind sieht mein Mundbild und auch den Buchstaben auf dem Papier (der spielt allerdings eine eher nebengeordnete Rolle; Vokale und Diphtonge rot, Konsonanten blau). Ich benutze alte gezeichnete schwarz-weiß „Werscherberger“ oder „Erlanger“ Bilder und große Gesten (Tip auf der Fobi: je kleiner das Kind, desto größer die Geste).

Das Kind wird aufgefordert, den Laut zu imitieren. Dafür male ich ein Sternchen mit einem Stift, welchen sich das Kind vorher aussucht, auf das Blatt. Jeder Laut wird mindestens 10x gesprochen. Pro Stunde erarbeite ich auf diese Weise meist 2 Laute. Ich beginne mit den Lauten, die ich in der Spontansprache beim Kind erkenne und Vokale. Die Blätter kommen in einen Hefter, der in jeder Stunde dabei ist, ober in der Praxis bleibt. Meist wollen die Kinder mit den Eltern nicht üben. Is aber auch ok. Zu Beginn jeder Stunde werden die alten Laute wiederholt und 2 neue kommen dazu. Oft fangen die Kinder selbständig an, die Laute in die Sp.sprache zu übernehmen. Keine Angst vor Störungsbewusstsein. Hatte viele Kinder, die über diese Methode so viel Selbstbewusstsein entwickelt haben, weil sie dieLaute ja nur isoliert sprechen müssen und das in der Regel gut hinbekommen.
Wichtig: wenn das Kind beim Umblättern im Hefter das Bild sieht und selber den Laut mit der entsprechenden Geste bildet, male ich eine Sonne auf das Blatt. Dieser Laut wird nicht mehr geübt, aber beim Durchblättern einmal gebildet. Die Kinder sind so stolz auf diese Sonnen, das glaubt man gar nicht! Die freuen sich richtig, endlich zu lernen, wie man spricht. Unglaublich.
Du kannst dich an der Lauthirarchie orientieren, also z. B. 1. Ak-Zone zuerst, dann 2. etc. Bei ihr würde ich immer einen hinteren mit einem vorderen Laut koppeln. Z. B. /m/ und /k/ in einer Stunde. So hat sie, da sie ja rückverlagert ist, immer einen Erfolg! Die restliche Stunde wird gespielt. Das darf bei den Kleinen und für den Kontakt ja nicht zu kurz kommen. Hoffe, du kannst hier was für dich rausziehen. Is ein bißchen lang geworden…. aber dann kannst du dir wenigstens was drunter vorstellen. :-)


vor 7 years #91171

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Amelie388
Teilnehmer

Oh wow, vielen vielen lieben Dank! Auch wenn es lang geworden ist – es war genau richtig!!

Habe ich es richtig verstanden, dass ich die Laute wirklich nur isoliert mit dem Mädchen übe, aber nicht auf Silben-, Pseudowort oder Wortebene gehe und verbinde?

Ich glaube, das Mädchen kann so ziemlich alle Laute isoliert bilden. Von daher würde es mit der Erarbeitung von 2 Lauten in einer Stunde wohl super schnell gehen. Wie mache ich dann da weiter?

Ich kenne das Konzept nach Mc Guiness (haben es in der Ausbildung durchgenommen, habe aber noch nie danach gearbeitet).

Wenn ich bspw. mit dem /m/ beginne, wir die Geste machen und sie es richtig produzieren kann etc. (wobei sie das /m/ mit sicher kann, da bspw. /Mama/ eines der Worte ist, wo sie intial nicht ersetzt, sondern wirklich „Mama“ sagt), wie findet dann der Übertrag statt, dass bspw. auch weiß, dass in /Milch/ ein /m/ ist (im Lautbefund war es /ngilch/)?

Wenn ich die Laute nur isoliert alle auf Lautebene produzieren lasse, wir den Rest der Stunde spielen – brauchen wir ja so um die 10-20 Einheiten.
Wie mache ich danach weiter? Wie lang dauert es normalerweise, bis der Übertrag in die Spontansprache langsam stattfindet und die Kinder die Laute auch spontan sprechen?

Könnte ich vielleicht parallel mit der Biene und dem /s/ weiter machen und zudem 2 Laute in jeder Stunde erarbeiten – sodass der Bezug zu den Worten nicht verloren geht und sie exemplarisch anhand eines Lautes erfährt, dass die „Geräusche“, die wir machen, auch beim richtigen Sprechen vorkommen (würde dann ja auch die phonolog. Bewusstheit allgemein fördern)?

Vielen vielen lieben Dank für deine Hilfe!!!


vor 7 years #91178

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Wicki
Teilnehmer

Natürlich kann man die Laute zusammenziehen. Dachte nur nicht, dass das Kind so schnell vorankommt. Aber das kannst du am besten beurteilen. Die Buchstaben und Farben sind dann wichtig beim Zusammenziehen. Heißt du schreibst M in blau und A in rot und „liest“ MA. Dann Mama, oder was noch so mit Ma oder M anfängt. Immer die Geste dazu verwenden. Wenn sie dann bei z. B. „Momo“ /ngomo/ oder /ngongo/ sagen würde, spiegel ihr die Geste für /g/ (ng gibt es nur isoliert und nicht als Konsonantenverbindung, aber du kannst dir ja dein eigenes Zeichen dafür überlegen), damit sie erkennt (hört und sieht), dass da ein Unterschied ist. Bei der Fobi gab es einiges an Bildmaterial, z. B. die einzelnen Bilder viel kleiner kopiert und mehrfach auf dem Blatt nebeneinander. So dass man Silben sprechen müsste. Oder zum selber machen: Ein Zug oder Bus oder Auto hat entweder viele Fenster und in jedem ist ein Lautbild oder der Buchstabe oder du malst eine Strecke mit so vielen Feldern, wie du die Silben hören willst und dann schreibst du je einen Buchstaben in ein Feld und den nächsten in das nächste Feld und immer so weiter. Dann kann man, wenn das Kind das beherrscht, Wörter mit der Silbe am Wortanfang versuchen. Mein Aha-Erlebnis war ein Mädchen, was nach der Einzelarbeit an /L/ und /F/ auf einmal „Lillifee“ sagen konnte. Das Wort hatten wir nie geübt.
Wenn du mal mehr über diese Art der Therapie wissen möchtest: Cornelia Reuß Therapie der verbalen Entwicklungsdyspraxie. Fand ich super und wie gesagt, kommt bei mir auch bei phonologischen Störungen zum Einsatz, weil die Kinder den Laut nicht nur hören sondern auch sehen.


vor 7 years #91181

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Amelie388
Teilnehmer

Hallo Wickie,

vielen lieben Dank für die zahlreichen Tipps!

Ich habe jetzt 2 Einheiten gehabt…und es mal modifiziert nach McGuiness ausprobiert.
In der 1. Einheit nahm die Kleine es super an, hat alles mitgemacht u. war wahnsinnig stolz. Die Produktion von /m/ und /k/ war überhaupt kein Problem, auch haben sie mit der Mama zu Haus geübt.
Gestern war es schwierig – jetzt kommt bei ihr die Bewusstheit, dass wir die Sachen machen, weil sie nicht richtig verständlich ist. (Sie ist clever und weiß genau, weshalb wir die „Geräusche“ machen.) So war es ein richtiger Kampf, am Ende haben wir ein bisschen was geschafft und sie macht es auch super.
Und als sie grad am Weinen war und sich kaum mehr eingekriegt hat, meinte sie zu mir „meine nase läuft“ – OHNE Rückverlagerung!! Ich dachte fast, ich hätte mich verhört, aber scheinbar, war sie in dem Moment so abgelenkt (durch ihre Bockigkeit), dass sie glatt vergessen hat rückzuverlagern.
Ich bleibe also dran, vielen lieben Dank nochmal!!!

Die Biene behalte ich nebenbei bei, bis wir auch hier zur Geste und Bild kommen und ich es dann da miteinbeziehe (dann macht es für sie auch mehr Sinn und es ist sogar schon ein bisschen bekannt für sie).

Danke,
Amelie


vor 7 years #91293

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